Eskalation bis zum Atomkrieg.

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Aus gegebenem Anlass wurde dieser Beitrag aktualisiert.

Einführung:

Die Berliner Zeitung berichtete am 20. Mai 2022, dass sich die New York Times zu einer Kehrwende in ihrer Haltung zum Ukraine- Krieg entschieden habe: “In dem Text verweist die New York Times auf das 40-Milliarden-Dollar-Soforthilfepaket für die Ukraine, das diese Woche verabschiedet wurde – und zitierte gleichzeitig Avril Haines, die Direktorin des Nationalen Nachrichtendienstes. Sie warnte kürzlich vor dem Streitkräfteausschuss des Senats, dass die nächsten Monate unbeständig sein könnten. Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland könnte „eine unvorhersehbarere und potenziell eskalierende Richtung einschlagen“. Die New York Times spricht in diesem Zusammenhang von „außerordentlichen Kosten und ernsten Gefahren“ und verlangt von US-Präsident Joe Biden Antworten auf die Frage: Wohin soll das alles führen?”

Die deutschen Leitmedien scheinen zu einer solchen Bewertung des Krieges In der Ukraine nicht in der Lage zu sein. Zwei Tage nach der Kehrwende der New York Times war der Tagesspiegel immerhin zur Veröffentlichung eines Gastkommentars des französischen Philosophen Edgar Morin bereit. Morin schreibt: “Zwar erklärt das von den USA geführte westliche Lager keinen Krieg gegen Russland zu führen. Aber seine Intervention für die Ukraine ist ein indirekter Krieg, zu dem ein Wirtschaftskrieg kommt. Wir befinden uns mitten in einer Eskaaltion, die durch neue gegenseitige Beschuldigungen und neue Wellen gegenseitige Krininalisierung aufrecht erhalten wird. Der indirekte Krieg kann jederzeit durch versehentliche Bombenangriffe auf russisches oder europäisches Territorium ausgeweitet werden. Ein dritter Weltkrieg wäre die Folge, mit taktischen Atomwaffen von begrenzter Reichweite, Drohnen und einem Cyberkeig zur Zerstörung der Kommunikationssysteme … Vor allem aber ist die Eskalation in Richtung eines globalisierten Krieges der Abstieg der Menschheit in den Abgrund. …”

Morin ist 1921 geboren, also hundert Jahre alt. Er hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt.

Zusammenfassung der folgenden Ausführungen:

Die gegenwärtigen Einsatzstrategien für Atomwaffen folgen nicht dem Grundsatz: ‘Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter’. Vielmehr halten sie einen begrenzten Atomwaffeneinsatz für möglich. Damit steigt die Gefahr eines Atomkrieges.

Je mehr militärische Erfolge die Ukraine mit Hilfe der NATO erzwingt, desto größer die Gefahr, dass Russland Atomraketen einsetzt. Mit dem von den USA ausgegebene Ziel, gegen Russland zu gewinnen, treiben die USA Europa in den Atomkrieg.

Die Bundesregierung lässt es mit ihren Waffenlieferungen darauf ankommen.

Es ist beunruhigend, dass in den öffentlichen Diskussionen diese Gefahr negiert oder klein geredet wird oder erklärt wird, diese Gefahr müsse man in Kauf nehmen.

Es muss das Fundament bekämpft werden, dass jeder Nuklearstrategie zugrunde liegt und der Verfasser eines im Folgenden mehrfach zitierten Leitartikels der FAZ so beschreibt: ” … auch die heutigen Generationen müssen lernen, dass Atomwaffen zur Weltpolitik gehören, diesen Geist bekommt man nicht in die Flasche zurück”[1]FAZ v. 4.5.2022 Leitartikel von Nikolas Busse.

Auch wenn es sich zunächst um den Einsatz von Atomwaffen mit geringer Sprengkraft handelt, wird eine Schwelle überschritten, die 1945 die USA in Hiroshima und Nagasaki überschritten haben und die niemals wieder überschritten werden darf.

Um das ganze Ausmaß der Zerstörung zu verstehen, dass bei einem Überschreiten dieser Schwelle droht, sei das Interview empfohlen, das Robert Scheer mit dem Atomwaffenexperten Ted Postol geführt hat.

„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten, noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten.”[2]Bertolt Brecht wenige Jahre nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1951 in einem offenen “Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller”.

Sicher kann eine Eskalation nur verhindert werden, wenn der Krieg beendet wird. Keine Waffenlieferungen sind der erste Schritt.

Inhaltsverzeichnis:


Leichte” Waffen:

Am 31. März schrieben wir:

Die Süddeutsche Zeitung meldete heute, der Regierung liege “eine Liste mit Rüstungsgütern im Wert von 300 Millionen Euro vor, die an die Ukraine geliefert werden können … Darunter befinden sich 2.650 Panzerfäuste vom Typ Matador … und 18 Aufklärungsdrohen”.

Im Wochenrythmus werden immer neue Waffenlieferungen Deutschlands an die die Ukraine gemeldet.

“Deutschland wird der Ukraine noch mehr Waffen liefern. Die Lieferungen würden sich an dem orientieren, was Deutschland bisher bereits geliefert habe, sagte Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Bisher waren dies Panzerfäuste und Flugabwehrraketen. Er verwies auf Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die gesagt habe, dass man entsprechende Waffen direkt bei Rüstungskonzernen bestellen könne”[3]“Die Welt vom 22. März 2022; auch die Süddeutsche Zeitung erscheint mit der Schlagzeile: “”EU-Länder schicken mehr Waffen”.. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock “bestätigte, dass die EU das Volumen für Waffenlieferungen verdoppeln und somit auf insgesamt eine Milliarden Euro aufstocken werde. Deutschland zahlt dafür weitere 130 Millionen Euro”[4]Süddeutsche Zeitung am 22. März 2022.

Nach 80 Jahren sorgt die Bundesregierung dafür, dass deutsche Waffen wieder gegen russisches Militär eingesetzt werden.”


Schwere Waffen

Einen Monat später, nach einer wochenlangen massiven Kampagne von Politikern und Politikerinnen von GRÜNEN, FDP und CDU/CSU, orchestriert von den Leitmedien aus Presse und Fernsehen, – eine Kampagne wie sie der Autor dieses Beitrags in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt hat – beschloss der Bundestag am 28. April in einer ganz großen Koalition von Regierungsparteien und CDU/CSU, auch schwere Waffen[5]“Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, … 2. die Lieferung benötigter Ausrüstung an die Ukraine fortzusetzen und womöglich zu beschleunigen und dabei auch die … Continue reading an die Ukraine zu liefern. Jede Ausrüstung die von der Ukraine “benötigt” wird, soll geliefert werden. Die Lieferung “benötigter” Ausrüstung soll nur dadurch eingeschränkt sein, dass die “Fähigkeiten Deutschlands zur Bündnisverteidigung nicht gefährdet” werden.

Noch wenige Tage zuvor hatte Bundeskanzler Scholz vor einer Eskalation mit unabsehbaren Folgen gewarnt: “Ich tue alles, um eines Eskalation zu verhindern, die zu einem Dritten Weltkrieg führt. Es darf keinen Atomkrieg geben.”[6]Scholz im SPIEGEL vom 23.4.22. Jetzt wird die Bundesregierung mit Bundeskanzler Scholz an der Spitze auch von der SPD aufgefordert genau das zu tun, wovor der Bundeskanzler vorher gewarnt hatte.

Am 26. April hatte der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin 40 Staaten zu einer Konferenz auf die Ramstein Air Base eingeladen. Austin wörtlich: “Die Ukraine glaubt daran, dass sie gewinnen kann, und alle hier glauben das auch.”[7]Stern vom 26.2.22, https://www.stern.de/news/lambrecht-sagt-partnern-lieferung-schwerer-waffen-an-ukraine-zu-31807448.html. Auf monatlichen Besprechungen soll in Zukunft nachgebessert werden.

Damit haben die USA das Ziel klargestellt: Der Krieg gegen Russland soll gewonnen werden.

Während CIA-Chef Burns davor gewarnt hatte, die nukleare Bedrohung nicht zu unterschätzen[8]” … kann keine von uns die Bedrohung durch einen möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen und Atomwaffen geringer Sprengkraft auf die leichte Schulter nehmen. Wir tun es nicht”, … Continue reading, will der amerikanische Präsident weitere 33 Milliarde Dollar für die Ukraine im Repräsentantenhaus beschließen lassen,

Sie eskalieren sehenden Auges immer mehr. Sie löschen Feuer mit Benzin.


Atomwaffen

Am 4. Mai 2022 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) einen Leitartikel von Nikolas Busse mit dem Titel “Auch der Westen hat Atomwaffen”[9]FAZ v. 4.5.2022 Leitartikel von Nikolas Busse.

Busse zielt auf eine Bedrohung der Menschheit von ungeheurem Ausmaß: “Wenn Putin ernsthaft in Erwägung ziehen sollte, eines oder mehrere NATO-Mitglieder mit Atomwaffen anzugreifen, dann riskiert er die völlige Zerstörung Russlands”[10]a.a.O..

“… man kann einiges dafür tun, dass die nukleare Schwelle so hoch ist, dass selbst jemand wie Putin es nicht wagt, sie zu überschreiten. Dass die Bundesregierung neue Kampfflugzeuge für die nukleare Teilhabe anschaffen will, ist ein wichtiger Beitrag dazu”[11]“Dass die Bundesregierung neue Kampfflugzeuge für die nukleare Teilhabe anschaffen will, ist ein wichtiger Beitrag dazu”- so Nikolas Busse in FAZ vom 4.5.20200.

Über den Einsatz der US-Atomwaffen innerhalb der NATO entscheiden die USA.

Der Leitartikler fragt nicht, was dann die USA riskiert.

Er fragt nicht, ob die USA zu diesem Risiko bereit sind, obwohl die Ukraine nicht Mitglied der NATO ist.

Er fragt nicht, ob die USA zu diesem Risiko bereit wären, wenn es ein Mitglied der NATO treffen würde.

Er fragt nicht, ob es möglich ist, das Risiko einer “völligen Zerstörung” auf Russland zu begrenzen.

Dohnanyi zur Strategie der “flexible response”.

Die USA verfolgen mit ihrer nuklearen Abschreckung eine Strategie der “flexible response”

Klaus von Dohnanyi schreibt in seinem jüngst erschienen Buch[12]Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für eine deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” München 2022 zur Nuklear-Strategie der “flexible response”:

“Die äußere Sicherheit Europas gründet ausschließlich auf der NATO, das heißt letzten Endes auf der Verteidigungsstrategie der USA. Denn was immer Europa materiell zur Finanzierung der NATO beiträgt: Am Ende werden die USA alle Entscheidungen in der eigenen Hand behalten”[13]a.a.O. Seite 90.

Von Dohnanyi beschreibt die US-amerikanische Verteidigungsstrategie durch Atomwaffen so: “Washington hat als Eigentümer dieser Waffen seit Jahrzehnten diese Strategie der “flexible response” erläutert, wie es jetzt auch Präsident Biden durch seine Erklärung bestätigte: “Solange nicht die USA selbst angegriffen werden, wird ein Einsatz der Atombomben nicht erfolgen”. Das war allerdings die offizielle Verteidigungsdoktrin der USA als “flexible response” schon seit den frühen sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bereits de Gaulle hatte früh darauf aufmerksam gemacht: “Flexible response” verlagere jedes mögliche Kriegsgeschehen in Europa ausschließlich auf die Staaten der EU selbst … “[14]Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für eine deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” München 2022, 3. Auflage Seite 91 ff..

Klaus von Dohnanyi weiter: “Als die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) im Mai 2021 von der Erklärung Präsident Bidens berichtete, kommentierte sie, wenn diese ergänzende Abschreckungsstrategie durch die NATO angenommen werde, werde das Zweifel unter den Alliierten entstehen lassen und den Zusammenhalt der NATO gefährden: Die NATO bedürfe einer schnellen Reaktion, um erneut die Hauptfragen nuklearer Strategie zu diskutieren. Was jedoch an diesem Kommentar der DGAP am meisten erstaunt, ist die Meinung, es handele sich um einen “bedeutenden Kurswechsel innerhalb der Sicherheitspolitik der USA”. Das eben ist genau nicht der Fall! Bidens Erklärung schuf keine neue Lage, sie war vielmehr schon US-amerikanisches strategisches Dogma seit den sechziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts! Dass die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag jedoch weiterhin davon ausgeht, dass Europa nuklear verteidigt werde, ist angesichts der nun über sechzig Jahre alten “flexible response”-Strategie völlig unverständlich”[15]a.a.O. Seite 96 f. In Wikipedia wird die US-Verteidigungsstrategie der “flexible response” ebenfalls unrichtig auf die Zeit bis zum Ende des Kalten Krieges begrenzt, siehe: … Continue reading.

Damit kommt Klaus von Dohnanyi zu dem entgegengesetzten Ergebnis des Leitartiklers der FAZ: “Wir müssen keine Kampfflugzeuge beschaffen, um nukleare Sprengköpfe zu transportieren, die nur zur Verteidigung der USA gedacht sind”[16]a.a.O. Seite 97.

Militärmanöver mit “begrenztem Atomwaffeneinsatz”

Im Guardian berichtete Julian Borger am 24. Februar 2020 über ein US-Manöver, in dem ein “begrenzter Atomwaffeneinsatz” gegen Russland simuliert wurde[17]https://www.theguardian.com/world/2020/feb/24/limited-nuclear-war-game-us-russia; dieser Artikel ist auch zu lesen in der Luftpost 025/20 vom 20.03.2020: … Continue reading. Das Das habe ein führender Pentagon-Mitarbeiter bestätigt.

Der Guardian: “Dieses Manöver war nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil das US-Verteidigungsministerium von der umstrittenen Annahme ausging, in einem begrenzten Atomkrieg mit Russland siegen zu können, ohne einen die Welt vernichtenden umfassenden Atomkrieg riskieren zu müssen, sondern weil auch Journalisten bis ins Detail darüber informiert wurden …

Nach einem schriftlichen Hintergrundbericht höherer Pentagon-Mitarbeiter hat auch Verteidigungsminister Mark Esper an der Stabsübung im US Strategic Command[18]s. https://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Strategic_Command in Nebraska teilgenommen. In der Übung, die eine Krise simulierte, in der Russland im Rahmen einer Offensive auch eine US-Militärbasis in Europa mit (einer Atomrakete) angegriffen hat, spielte Esper den US-Verteidigungsminister, vertrat also sich selbst.

“Das Szenario war ein in Europa ausgetragener Konflikt mit Russland, in dem sich die Russen dafür entscheiden, eine Atomwaffe geringer Sprengkraft gegen eine (US-)Militärbasis auf dem Territorium eines NATO-Staates einzusetzen,” informierte ein höherer Offizieller. “Der Verteidigungsminister musste beim US-Präsidenten rückfragen, wie darauf reagiert werden sollte.”

Der Offizielle ergänzte, in der Übung sei entschieden worden, “mit einem begrenzten Atomschlag zu antworten”. Für eine begrenzte Antwort habe sich der Einsatz einer kleinen Anzahl von Atomwaffen geringer Sprengkraft – zum Beispiel von auf U-Booten stationierten (Trident-)Raketen mit dem neuen Sprengkopf W67-2 (der eine Sprengkraft von “nur” 5 bis 7 Kilotonnen hat) – angeboten, die, wie im Januar bekannt wurde, Ende letzten Jahres erstmals im Atlantik Verwendung fanden.

Als das Pentagon über dieses Manöver informierte, rechtfertigte es auch die Indienststellung des Sprengkopfes W67-2. “Das ist eine angemessene Antwort auf die Änderung der russischen Atomwaffendoktrin, die jetzt auch den Einsatz von Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft vorsieht,” äußerte ein führender Offizieller”[19]a.a.O. .

Atomwaffenrisiko und Russland-Ukraine-Krieg

Prof. Dr. Karl Hans Bläsius ist Informatiker und Initiator der Initiative Atomkrieg aus Versehen.

Im Zusammenhang mit dem Russland-Urkaine-Krieg beschäftigt er sich zunächst mit dem bewussten Einsatz von Atomwaffen.

Er weist zunächst darauf hin, dass das Prinzip “Wer zuerst schießt, stirbt als zweiter” in der aktuellen Situation schon allein deswegen nicht gilt, weil die Ukraine keine Atomwaffen besitzt[20]Bläsius Atomrisiko und “Russland-Ukraine-Krieg”.

Er gibt zu Bedenken, “dass die Auswirkungen eines Atomkriegs für alle Seiten so gravierend sind, dass auch in Krisen- und Kriegszeiten eine große Hemmschwelle für den Einsatz von Atomwaffen bestehen wird”[21]siehe hier.

Angesichts der Tatsache, dass inzwischen Atomwaffen mit geringer Sprengkraft entwickelt wurden, warnt er jedoch, dass “die Hemmschwelle sinken könnte”[22]siehe hier.

Bläsius weiter: “Es kann auch andere Szenarien geben, die zu einem bewussten Einsatz von Atomwaffen führen könnten. Beispielsweise besteht besteht die Gefahr, dass eine Atommacht, die in existenzielle Not gerät, den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung zieht. Die Strategiepapiere Russlands sehen den Einsatz von Nuklearwaffen dann vor, wenn die Existenz der Russischen Föderation auf dem Spiel steht. Dabei ist es irrelevant, ob dieser Zustand militärisch oder wirtschaftlich herbeigeführt wird. Wenn Sanktionen gegen eine Atommacht so schwerwiegend sind, dass eine existenzielle Notlage entsteht, könnte dies das Risiko eines Einsatzes von Atomwaffen erhöhen. Ähnliches gilt für schwerwiegende Cyberangriffe auf ein Land. Die Frage ist, wann ist eine solche Grenze erreicht? Das Spektrum eines möglichen Schadenspotenzials erstreckt sich kontinuierlich von „gering“ bis „riesig“ bzw. „total“.

Für das Setzen einer Schwelle für einen nuklearen Angriff gibt es großen Ermessensspielraum innerhalb dieses kontinuierlichen Spektrums. Zu Beginn der Angriffe auf die Ukraine am 24.2.2022 hat der russische Präsident erklärt: „Jetzt ein paar wichtige, sehr wichtige Worte für diejenigen, bei denen die Versuchung aufkommen könnte, sich von der Seite in das Geschehen einzumischen. Wer auch immer versucht, uns zu behindern, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben. Wir sind auf jede Entwicklung der Ereignisse vorbereitet. Alle notwendigen Entscheidungen wurden in dieser Hinsicht getroffen. Ich hoffe, dass ich gehört werde.“[23]siehe. https://www.tagesschau.de/ausland/asien/putin-rede-angriff-ukraine-101.html

Diese Drohung wird als Drohung mit Atomwaffen interpretiert.[24]https://www.icanw.org/ican_condemns_russia_invasion_of_ukraine_an_escalation_risking_nuclear_war  und  https://www.icanw.de/action/ican-verurteilt-russische-invasion-in-die-ukraine/

Auch eine drohende Niederlage einer Atommacht in einer konventionellen Auseinandersetzung könnte zum Einsatz von Nuklearwaffen führen.

Am 27.2.2022 hat Russland seine „Abschreckungskräfte“ in Alarmbereitschaft versetzt, dazu gehören auch Atomwaffen.[4] Zwar war dies auch 2014 bei der Annexion der Krim geschehen, aber dieses Mal ist die Situation deutlich gefährlicher. Dies auch, wegen bereits ausgesprochener und auch möglicher weiterer Sanktionen. Wenn eine solche Maßnahme wie die Alarmbereitschaft einmal gutging, muss das nicht immer so sein. Das gilt auch für andere Bereiche. Wenn beispielsweise ein riskantes Manöver im Straßenverkehr gut gegangen ist, bedeutet das nicht, dass solche Manöver immer gut gehen. Im Gegenteil: die Risikobereitschaft kann sich erhöhen, bis es zu einem schwerwiegenden Unfall kommt”[25]Bläsius Atomrisiko und “Russland-Ukraine-Krieg”.

Atomwaffeneinsatz aus Versehen

Dann beschreibt Prof. Dr. Bläsius die Gefahr eines Atomkrieges aus Versehen:

“Frühwarnsysteme für nukleare Bedrohungen basieren auf Sensoren und sehr komplexen Computer-Netzwerken und dienen dazu, Angriffe mit Atomwaffen so früh zu erkennen, dass ein Gegenschlag ausgelöst werden kann (bezeichnet als „Launch on Warning“), bevor die angreifenden Atomraketen einschlagen und eine Gegenreaktion erschweren oder verhindern.

In Frühwarnsystemen kann es aber zu Fehlalarmen kommen, d.h. es wird ein Angriff mit Atomwaffen gemeldet, obwohl keine Bedrohung vorliegt. Solche Alarmmeldungen sind dann besonders gefährlich, wenn politische Krisensituationen vorliegen, eventuell mit gegenseitigen Drohungen oder wenn in zeitlichem Zusammenhang mit einem Fehlalarm weitere Ereignisse eintreten, die zur Alarmmeldung in Zusammenhang gesetzt werden könnten. In der Vergangenheit gab es einige Situationen, in denen es nur durch großes Glück nicht zu einem Atomkrieg aus Versehen kam”[26]Bläsius Atomrisiko und “Russland-Ukraine-Krieg”.

Prof. Dr. Bläsius beschreibt die Gefahr eines Atomkrieges aus Versehen auch mit Blick auf den Russland-Ukraine-Krieg:

“Sehr kritisch sind solche Fehlalarme, wenn aufgrund entsprechender Drohungen oder sonstiger Erkenntnisse mit einem nuklearen Angriff des Gegners gerechnet wird bzw. ein solcher Angriff als plausibel gilt. Dann besteht die Gefahr, dass die Bewertungsmannschaft von einem tatsächlichen Angriff ausgeht und eine Entscheidung für eine Gegenreaktion treffen muss”.

Prof. Bläsius bezieht sich auf seine Ausführungen, dass eine Atommacht in existenzieller Not auch den Einsatz von Atomwaffen erwägen könnte, und fährt dann fort: “Angenommen es kommt in dieser Situation zu einem Fehlalarm mit einer nuklearen Angriffsmeldung: Wird der scheinbar angegriffene Staat dann auch abwarten und auf die Zweitschlagfähigkeit vertrauen oder eher einen sofortigen nuklearen Gegenschlag beschließen?

Besonders gefährlich kann es werden, wenn die aktuelle Situation in der Ukraine weiter eskaliert und auch die Nato in kriegerische Aktionen einbezogen wird. Dann kann es auch leicht zu nuklearen Auseinandersetzungen kommen. Vor diesem Risiko warnen auch militärische Experten[27]https://www.n-tv.de/politik/Ex-Oberst-warnt-vor-Eskalation-mit-dem-Westen-article23151797.html.

Bei einer drohenden Niederlage in einem konventionellen Krieg zwischen Atommächten könnte die unterlegene Seite den Einsatz von Atomwaffen in Erwägung ziehen. Des Weiteren wird jeder Fehlalarm in einem Frühwarnsystem für nukleare Bedrohungen in solchen Situationen extrem gefährlich. Wenn ohnehin schon kriegerische Auseinandersetzungen laufen, dann könnte eine Alarmmeldung in Bezug auf Atomwaffen auch sehr leicht aus plausibel eingeschätzt werden und den aktuellen Erwartungen entsprechen. Dann wäre es auch wirkungsvoller, eine Gegenreaktion einzuleiten, bevor die gegnerischen Atomwaffen einschlagen und eine Gegenreaktion erschweren. Kriegerische Konflikte zwischen Atommächten werden von Cyberangriffen begleitet sein, auch diese erhöhen das Risiko von Fehlinterpretationen bei Fehlalarmen in Frühwarnsystemen”[28]Bläsius Atomrisiko und “Russland-Ukraine-Krieg”.

Beschreibung eines Atomkrieges

Ted Postol, Physiker und Atomwaffenexperte sowie emeritierter MIT-Professor, lehrte vor seiner Zeit am Massachusetts Institute of Technology an der Stanford University und in Princeton und war außerdem wissenschaftlicher und politischer Berater des Chefs der Marineoperationen sowie Analyst im Office of Technology Assessment. Sein Fachwissen über Atomwaffen veranlasste ihn, die Behauptungen der US-Regierung über die Raketenabwehr zu kritisieren, wofür er 2016 den Garwin-Preis der Federation of American Scientists erhielt[29]https://widerstaendig.de/uncategorized/sechs-empfehlungen/#Ted .

Eine Atomkrieg beschreibt Ted Postol so: “Wenn eine Atomwaffe auf dem Gefechtsfeld gezündet wird, weiß zunächst niemand, was das bedeutet. War es eine einzelne Waffe? Werden ihr in wenigen Minuten oder Stunden weitere Atomexplosionen folgen? Wird der Gegner, den Sie gerade angegriffen haben, sofort oder erst in einigen Tagen mit einer oder mehreren Waffen nachziehen? Wird er versuchen, ihre Atomwaffenstandorte anzugreifen und ihre wichtigen Kommandozentralen in Bündnisstaaten wie zum Beispiel die US Air Base Ramstein[30]weitere Infos dazu s. unter https://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP14415_060815.pdf )? Keiner weiß, was der andere tun wird. Es ist wie ein Schachspiel auf einem Brett, bei dem man … Continue reading.

Zwischenbilanz zu den Gefahren eines Atomkriegs

1.

Der Guardian fasst das Militärmanöver mit begrenztem Einsatz von Atomwaffen “geringer” Sprengkraft (taktische Atomwaffen im Unterschied zu strategischen Atomwaffen) so zusammen:

“Die Befürworter der neuen US-Atomwaffen behaupten, diese würden gebraucht, um Moskau vom Einsatz taktischer Atomwaffen abzuschrecken, weil die Russen dann mit einer entsprechenden US-Antwort rechnen und nicht mehr darauf hoffen könnten, dass die USA auf die Vergeltung mit strategischen Atomraketen verzichten würden.

Abrüstungswillige befürchten aber, dass sich in den Regierungen der USA und Russlands die (irrige) Meinung durchsetzen könnte, ein umfassender Atomkrieg ließe sich vermeiden, weil man in kleineren Konflikten auch durch den Einsatz taktischer Atomwaffen siegen könne (wodurch die Schwelle zu einem die Welt vernichtenden Atomkrieg sehr viel niedriger würde)”[31]a.a.O. .

2.

In dem Militärmanöver, über das der Guardian berichtete, wurde von einem Angriff Russlands auf eine US-Militärbasis in Europa ausgegangen. Betrachtet man dies als einen unmittelbaren Angriff auf die USA selbst, so wäre das eine Reaktion im Rahmen der “flexible response”, wie sie Klaus von Dohnanyi beschreibt.

Auch wenn man – anders als von Dohnanayi – annimmt, dass die USA bei einem russischen Angriff auf ein NATO-Mitglied zu einem atomaren Gegenschlag bereit sind, gilt in jedem Fall:

  • Die USA verlagert jedes mögliche Kriegsgeschehen in Europa ausschließlich auf die Staaten der EU selbst.
  • Auch einen Krieg mit Atomwaffen glauben die USA auf Europa beschränken zu können.
  • Es geht immer um den Einsatz nuklearer Waffen von “geringer Sprengkraft”, so dass nicht mehr uneingeschränkt gilt: “Wer als erster schießt, stirbt als zweiter”
  • Daher gilt auch nicht mehr die aus dieser Überzeugung hergeleitete Konsequenz, ein Atomkrieg werde niemals ausgelöst werden.

3.

Von Dohnanyi zu den Konsequenzen:

“Das aber heißt, dass Europa im Falle eines russischen Angriffs nach amerikanischer und NATO-Strategie zum alleinigen Kriegsschauplatz würde, ohne jedes Risiko für das Heimatland USA. Deutschland aber wäre, als vermutliche Nachschubbasis, sofortigen Raketenangriffen ausgesetzt. Haben die NATO oder die Bundesregierung den Deutschen jemals erklärt, was die heutige Verteidigungsstrategie eigentlich für ihr Land bedeuten würde? Die nukleare NATO bietet nämlich als heutige militärische Organisation keinerlei Garantie für Europas Unversehrtheit. Natürlich stellt auch die konventionelle Verteidigungsbereitschaft der NATO ein gewisses Risiko für jeden Angreifer da. Nur solange Russland selbst an einer Aggression nicht interessiert ist, ist Europa wirklich sicher. Eine entsprechende Haltung russischer Politik zu festigen und herzustellen, bleibt die vorrangige Aufgabe deutscher und europäischer Diplomatie! Dauerhafte Sicherheit kann es nur mit und nicht gegen Russland geben”[32]a.a.O. Seite 97.

Seit dem Februar 2022 versucht die NATO jedoch alles, die letzten Brücken zu Russland einzureißen. Sie wollen gegen Russland gewinnen. Warum sollte davon ausgegangen werden, dass Russland das zulässt? Je mehr die NATO den Krieg gegen Russland intensiviert, desto größer die Gefahr, dass Russland seinerseits Atomwaffen einsetzt.

4.

Von Dohnanyi weist daraufhin, dass die US-Verteidigungsstrategie “flexible response” in der Vergangenheit nicht ausschloss, Deutschland mit Atomwaffen zu bombardieren, und er denkt dabei vor allem an “nukleare Waffen als taktische Waffen”, also an Atomwaffen mit “geringer” Sprengkraft, die die USA einsetzen und “erheblich zur Zerstörung Deutschlands beitragen” können[33]a.a.O.. Von Dohnanyi berichtet von einer NATO-Übung Ende der 1970er Jahre, an der er selbst beteiligt war: “So gegen drei Uhr morgens legten wir uns kurz schlafen. Als wir dann nach zwei Stunden aufstanden, erfuhren wir, dass die USA zur Verteidigung Europas gegen den simulierten Angriff kleinere “taktische” nukleare Sprengsätze über Deutschland abgeworfen hatten, um einen Cordon sanitaire, einen Sicherheitsgürtel, gegen den weiteren russischen Vormarsch zu schaffen. Blech und ich waren überrascht, dass ein solcher Eingriff in die souveränen Rechte der Bundesrepublik ohne Abstimmung erfolgen konnte, und wir schrieben einen entsprechenden ärgerlichen Brief an den Bundeskanzler. Als ich dann etwas später mit Helmut Schmidt zusammentraf, bemerkte er, ihm sei diese Strategie der NATO bekannt und er werde, sowie kriegsähnliche Entwicklungen in Europa erkennbar würden, Deutschland für neutral erklären. Meine Antwort war recht lakonisch: “Dann, Helmut, ist es allerdings zu spät.” Schmidt selbst hatte ja schon 1961 in “Verteidigung oder Vergeltung” erklärt, Deutschland habe kein Interesse daran, das zerstörte Deutschland durch eine ‘letzte Schlacht’ wieder befreit zu sehen”[34]a.a.O. Seite 92 f..

5.

Tred Postol beschreibt die nuklearen Gefahren so:

“Die Russen   – die weder verrückt sind noch Selbstmord begehen oder die US-Amerikaner zuerst ermorden wollen   – können nur eins tun, um die Begeisterung der US-Amerikaner für einen atomaren Angriff zu bremsen: Sie müssen Vorbereitungen für eine automatisierte Reaktion treffen. Dazu bräuchten sie eigentlich eine Art “Weltuntergangswaffe”, wobei ich nicht weiß, ob sie die wirklich wollen. Im Grunde müssten sie aber so eine Weltuntergangsreaktion vorbereiten, für den Fall, dass die russische Führung bei einem überraschenden atomaren Erstschlag der USA getötet wird.

Die Russen müssten also auch Vorkehrungen für diesen “Worst Case” treffen. Das erfordert ein sehr kompliziertes System, in dem Fehler auftreten und zu unbeabsichtigten Frühstarts russischer Atomraketen führen können. Im Grunde genommen haben die amerikanische Modernisierungsbemühungen und die bedauerliche Unfähigkeit Russlands, sein Frühwarnsystem gleichwertig zu verbessern, zu einer Situation geführt, die potenziell noch viel gefährlicher ist als vorher, weil viel leichter eine fatale Störung einen Atomkrieg auslösen könnte. Und das kann sowohl ein soziales, ein politisches als auch ein technisches Problem sein”[35]https://widerstaendig.de/uncategorized/sechs-empfehlungen/#Ted .

Auf Nachfrage, ob er von der Modernisierung der letzten 10 Jahre spreche, die unter Barack Obama begonnen hat, antwortet Ted Postol: “Ja, auf jeden Fall, auf jeden Fall”[36]a.a.O..

Die Wirkung einer Atomwaffe

Ted Postol beschreibt die Wirkung einer Atomwaffe so: ” Wir reden von einer Feuerwand, die alles um uns herum mit der Temperatur des Sonnenmittelpunkts einschließt. Die Explosion von Nuklearwaffen würde uns buchstäblich in weniger als Asche verwandeln. Ich kann nicht genug betonen, wie mächtig diese Waffen sind. Wenn sie detonieren, sind sie vier- oder fünfmal heißer als das Zentrum der Sonne, das 20 Millionen Grad Kelvin hat. Im Zentrum einer Detonation dieser Waffen herrschen 100 Millionen Grad Kelvin. Menschen können sich das Ausmaß dieser Hitze nicht vorstellen. Ich habe wiederholt Artikel über die Folgen der Explosion von Atomwaffen auf Städte geschrieben. Sie sind so schwerwiegend, dass sie die menschliche Vorstellungskraft sprengen. Im Zentrum der Explosion wird die Erdoberfläche fünfmal so heiß, wie das Zentrum unserer Sonne. Im Explosionsgebiet wird buchstäblich alles in weniger als Asche verglühen. Mir fehlen einfach die Worte, um vor dem wirklichen Ausmaß der Gefahr zu warnen”[37]https://widerstaendig.de/uncategorized/sechs-empfehlungen/#Ted .

Gibt es Alternativen?


Alternativen

Krieg sofort beenden

Wir haben in einem gesonderten Beitrag dargelegt, dass es möglich ist, den Krieg sofort zu beenden.

Mit, nicht gegen Russland

Aus der Beschreibung der Gefahren, die mit dem Konfrontationskurs gegen Russland heraufbeschworen werden, ergibt sich der Grundsatz: “Dauerhafte Sicherheit kann es nur mit und nicht gegen Russland geben”[38]a.a.O. Seite 97

Ohne NATO leben

Helmut Schmidt deutet zudem eine Alternative an, als er schon vor Jahrzehnten daran dachte, bei einer “kriegsähnlichen Entwicklung in Europa” Deutschland für neutral zu erklären[39]siehe oben, wo Klaus von Dohnanyi Helmut Schmidt zitiert. Genau in dieser “kriegsähnlichen Entwicklung” leben wir jetzt.

Klaus von Dohnanyi schreibt: “Viele Europäer erkennen inzwischen, was bei einer Verteidigung Europas durch die USA auf europäischem Boden herauskäme: Ein erneut total zerstörtes Europa, aber ein völlig unbeschädigtes US-Amerika. Europa hat eben andere Erfahrungen: Wir wissen, dass wir in einem Krieg mit Russland sogar als Sieger nur die Verlierer sein könnten! Nur Entspannungspolitik könnte die Kriegsgefahr für Europa verringern … Europa kann durch militärische Kraft, sei es die der EU oder die der von den USA beherrschten NATO, nicht wirklich gesichert werden. Das Ziel Europas muss am Ende eine allianzneutrale Position sein. Wer sich selbst gegenüber einem Stärkeren nicht mehr wirkungsvoll verteidigen kann, für den ist es immer sicherer, sich nicht einzumischen in die Konflikte der Größeren und sich auch nicht durch eine Allianz zu binden … Diejenigen Staaten, die während des zweiten Weltkrieges diese Regel befolgten, wie zum Beispiel Schweden, die Schweiz oder auch Spanien, kamen unzerstört aus dem Krieg heraus. Deswegen ist es auch heute im Interesse Europas, einen solchen Kurs anzustreben”[40]Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” 3. Auflage 2022 München S. 118 ff.

Waffenexporte beenden
Während sich Deutschland vor Kriegsbeginn weigerte, Waffen an die Ukraine zu exportieren, jetzt aber um so mehr Waffen in die Ukraine liefert, verbietet die Schweiz selbst die Überflugerlaubnis für Waffentransporte über ihr Staatsgebiet[41]die Schweiz übernahm allerdings die wirtschaftlichen Sanktionsbeschlüsse der EU gegen Russland: “Die Schweiz erteilt angesichts des Ukraine-Krieges keine Überflugerlaubnis für Transporte, die das Ziel einer militärischen Hilfe für die Konfliktparteien haben … Der Bundesrat verwies bei seiner Entscheidung auf die gesetzlich festgeschriebene Neutralität der Schweiz. Dieser Grundsatz sei bereits in Dokumenten erwähnt, die bis ins Jahr 1647 zurückreichten, erklärte die Regierung in einer Broschüre, die infolge des russischen Einmarsches in die Ukraine herausgegeben worden war”[42]Berliner Zeitung vom 11.3.2022. Allerdings schließt sich auch die Schweiz den wirtschaftlichen Sanktionen der EU gegen Russland an; dazu weiterlesen hier oder hier weiterlesen.

Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter in Italien haben gezeigt, dass wir nicht ohnmächtig sind: “Italiens Basisgewerkschaften sind in den Arbeiterkämpfen für soziale Gerechtigkeit seit Jahren der radikal antikapitalistische Vortrupp. In der vergangenen Woche rief ihre national führende Unione Sindicale di Base (USB) die Arbeiter des Flughafens “Galileo Galilei” in Pisa auf, keine Waffen für die Ukraine zu verladen. Der Aufruf, dem die Beschäftigten geschlossen folgten, schloss auch den Kampf gegen die von den USA und der NATO geschürte Kriegshetze ein. In der Folge sah sich der Leiter der Flughäfen in der Toskana, Marco Carrai, zu der Aussage gezwungen, Waffenexporte würden von Pisa aus “nicht mehr stattfinden”. Unterstützt von der USB Porto Livorno demonstrierten am Sonnabend in Pisa Tausende Menschen. Nicht nur Arbeiter, sondern auch Einwohner der Stadt traten unter der Losung “Von der Toskana sollen Brücken des Friedens statt Kriegsflüge ausgehen” der Kriegshysterie entgegen”[43]Gerhard Feldbauer “Antikapitalistischer Vortrupp”, Junge Welt 22. März 2022, Seite 15, und Junge Welt 31. März 2022.

References

References
1, 9 FAZ v. 4.5.2022 Leitartikel von Nikolas Busse
2 Bertolt Brecht wenige Jahre nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1951 in einem offenen “Brief an die deutschen Künstler und Schriftsteller”
3 “Die Welt vom 22. März 2022; auch die Süddeutsche Zeitung erscheint mit der Schlagzeile: “”EU-Länder schicken mehr Waffen”.
4 Süddeutsche Zeitung am 22. März 2022
5 “Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, … 2. die Lieferung benötigter Ausrüstung an die Ukraine fortzusetzen und womöglich zu beschleunigen und dabei auch die Lieferung auf schwere Waffen und komplexe Systeme, etwa im Rahmen des Ringtausches zu erweitern, ohne die Fähigkeit Deutschlands zur Bündnisverteidigung zu gefährden”, so der beschlossene Antrag
6 Scholz im SPIEGEL vom 23.4.22
7 Stern vom 26.2.22, https://www.stern.de/news/lambrecht-sagt-partnern-lieferung-schwerer-waffen-an-ukraine-zu-31807448.html
8 ” … kann keine von uns die Bedrohung durch einen möglichen Einsatz taktischer Atomwaffen und Atomwaffen geringer Sprengkraft auf die leichte Schulter nehmen. Wir tun es nicht”, siehe https://www.rnd.de/politik/einsatz-von-atomwaffen-im-ukraine-krieg-cia-warnt-russische-drohung-zu-unterschaetzen-KYKP6HE6ALENXKOTSMUPB6PT7U.html
10, 19, 33, 36 a.a.O.
11 “Dass die Bundesregierung neue Kampfflugzeuge für die nukleare Teilhabe anschaffen will, ist ein wichtiger Beitrag dazu”- so Nikolas Busse in FAZ vom 4.5.20200
12 Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für eine deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” München 2022
13 a.a.O. Seite 90
14 Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für eine deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” München 2022, 3. Auflage Seite 91 ff.
15 a.a.O. Seite 96 f. In Wikipedia wird die US-Verteidigungsstrategie der “flexible response” ebenfalls unrichtig auf die Zeit bis zum Ende des Kalten Krieges begrenzt, siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Flexible_Response
16, 32, 38 a.a.O. Seite 97
17 https://www.theguardian.com/world/2020/feb/24/limited-nuclear-war-game-us-russia; dieser Artikel ist auch zu lesen in der Luftpost 025/20 vom 20.03.2020: http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_19/LP02520_220320.pdf
18 s. https://de.wikipedia.org/wiki/United_States_Strategic_Command
20, 25, 26, 28 Bläsius Atomrisiko und “Russland-Ukraine-Krieg”
21, 22 siehe hier
23 siehe. https://www.tagesschau.de/ausland/asien/putin-rede-angriff-ukraine-101.html
24 https://www.icanw.org/ican_condemns_russia_invasion_of_ukraine_an_escalation_risking_nuclear_war  und  https://www.icanw.de/action/ican-verurteilt-russische-invasion-in-die-ukraine/
27 https://www.n-tv.de/politik/Ex-Oberst-warnt-vor-Eskalation-mit-dem-Westen-article23151797.html
29, 35, 37 https://widerstaendig.de/uncategorized/sechs-empfehlungen/#Ted
30 weitere Infos dazu s. unter https://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_13/LP14415_060815.pdf )?

Keiner weiß, was der andere tun wird. Es ist wie ein Schachspiel auf einem Brett, bei dem man immer nur die Figur sehen kann, die gerade bewegt wird. Sie und ihr Gegner könnten auch schon die Kontrolle über die eigenen Figuren und die gegnerischen Züge verloren haben. Es herrscht ein totalen Chaos, und ehe man sich versieht, explodieren nicht nur ein paar Dutzend oder Hunderte, sondern Tausende von Atomwaffen. Das ist einfach unvermeidlich. Es ist wie bei der Finanzkatastrophe von 2008/09 (in den tatsächlichen Auswirkungen aber unvorstellbar desaströser). Bei den bestehenden Instabilitäten wird die Katastrophe nicht aufzuhalten sein. Deshalb sollten alle wirklich davor zurückschrecken, Atomwaffen auch nur auf niedrigstem Niveau einsetzen zu wollen”((https://widerstaendig.de/uncategorized/sechs-empfehlungen/#Ted

31 a.a.O.
34 a.a.O. Seite 92 f.
39 siehe oben, wo Klaus von Dohnanyi Helmut Schmidt zitiert
40 Klaus von Dohnanyi “Nationale Interessen – Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche” 3. Auflage 2022 München S. 118 ff.
41 die Schweiz übernahm allerdings die wirtschaftlichen Sanktionsbeschlüsse der EU gegen Russland
42 Berliner Zeitung vom 11.3.2022. Allerdings schließt sich auch die Schweiz den wirtschaftlichen Sanktionen der EU gegen Russland an; dazu weiterlesen hier oder hier weiterlesen
43 Gerhard Feldbauer “Antikapitalistischer Vortrupp”, Junge Welt 22. März 2022, Seite 15, und Junge Welt 31. März 2022
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