Last Updated on 24/07/2026 by Benedikt Hopmann
Der folgende Artikel ist weniger eine scharfe Kritik an der IG Metall, als eine scharfe Kritik an den Verhältnissen, die eine Umwandlung eines Betriebes in einen Rüstungsbetrieb möglich machen. Was ist zu tun, um eine solche Transformation zu verhindern oder wieder rückgängig zu machen? Darüber sollten wir gemeinsam gründlicher nachdenken. Die Rüstungsausgaben auf Bundesebene müssen zurückgefahren werden. Anders geht es nicht. Um hier erfolgreich zu sein, ist ein aktives Zusammengehen von IG Metall und Friedensbewegung möglich und notwendig. Nur so kann die IG Metall ihrer eigenen Satzung treu bleiben, in der sie sich verpflichtet, sich für Frieden, Abrüstung und Völkerfreundschaft einzusetzen.
Die IG Metall schreibt in einer Presseerklärung, die am 21. Juli in der Jungen Welt veröffentlicht wurde, zur Umwandlung von Pierburg / Rheinmetall – Wedding in einen Rüstungsbetrieb:
„Für die Beschäftigten bedeutet die Umstellung nach Einschätzung des Betriebsrats vor allem den Erhalt der Arbeitsplätze, Investitionen in den Standort sowie umfangreiche Qualifizierungsmaßnahmen. Der gesamte Prozess erfolgt tarifgebunden und unter umfassender Mitbestimmung.“ Dann zitiert die Presseerklärung die Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, Ines Beek: „Die gesellschaftliche Debatte über Rüstung ist wichtig und notwendig. Unsere Aufgabe als Gewerkschaft ist es, dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten dabei nicht aus dem Blick geraten. Sie dürfen nicht zum Spielball politischer Auseinandersetzungen werden.“ Am Ende der Presseerklärung heißt es: „Gleichzeitig hält die IG Metall an ihrem friedenspolitischen Auftrag fest.“ Passt das zusammen?
Die IG Metall Berlin hebt hervor, dass die Kolleginnen und Kollegen „nicht über die strategische Ausrichtung ihre Unternehmens entschieden“ haben. Und, so könnte man hinzufügen, das gilt nicht nur für das Unternehmen Rheinmetall insgesamt, das gilt auch für jeden einzelnen Betrieb in diesem Unternehmen, auch für den Betrieb im Wedding: Die Kolleginnen und Kollegen können nicht über die Umwandlung in einen Rüstungsbetrieb entscheiden, auch nicht der Betriebsrat und auch nicht die IG Metall. Wenn in der Pressemitteilung von „umfassender Mitbestimmung“ die Rede ist, ist nicht eine Mitbestimmung gemeint, die über die Umwandlung in einen Rüstungsbetrieb mitbestimmen kann. Eine solche Mitbestimmung existiert nicht. Dass im Wedding die Ummantelung für 155-Millimeter-Artilleriemunition produziert werden soll, ist also allein die Entscheidung des Unternehmens Rheinmetall. Die Konsequenz dieser Feststellung: Die Beschäftigten und Ihre Vertretungen müssen nicht, sollten nicht und dürfen nicht Verantwortung für diese Produktionsentscheidung übernehmen, die sie nicht zu verantworten haben.
Annuschka Zak schreibt in der Jungen Welt vom 11.07.2026 zur Herstellung und zu den Eigenschaften dieser Artilleriemunition: „Von Berlin aus werden die Hülsen weiter nach Unterlüß transportiert, um mit Sprengstoff befüllt zu werden. Die 45 Kilogramm schweren Geschosse sind etwa 90 Zentimeter lang und haben eine Reichweite von über 30 Kilometern. Bei der Detonation zerlegt sich der Stahlkörper in etwa 13.000 tödliche Splitter. Eines dieser Geschosse soll um die 5.000 Euro kosten. Die Bundesregierung hat 2024 Artilleriemunition für 8,5 Milliarden Euro bei Rheinmetall bestellt, seinerzeit der größte Auftrag in der Firmengeschichte.“
Es ist schändlich, dass Unternehmen die berechtigte Angst der Kolleginnen und Kollegen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, nutzen können und sie so zur Herstellung von Waffen zwingen, die andere Kolleginnen und Kollegen töten. Wir sind uns einig, dass Menschen anderer Länder ebenso unsere Kolleginnen und Kollegen sind wie die im eigenen Land.
Wenn unsere Satzung uns verpflichtet, „uns für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung einzusetzen“, dann müssen wir Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, der Betriebsrat und die IG Metall als Organisation, uns öffentlich und deutlich dagegen aussprechen, dass Unternehmen die Beschäftigten aus Angst um den Verlust der eigenen Existenzgrundlage in die Herstellung von Waffen treiben können, die auf die Auslöschung der Existenz anderer Beschäftigter gerichtet sind.
Zudem müssen wir die Frage stellen, wie nachhaltig diese Arbeitsplätze eigentlich sind. Wenn Busse gebaut werden, nutzen sich diese Busse ab und es müssen neue gebaut werden. Und was ist, wenn für 8,5 Milliarden Artilleriemunition hergestellt worden ist? Wie nutzen die sich ab? „Wenn wir zum Krieg rüsten, werden wir Krieg bekommen,“ sagte Bertolt Brecht schon vor 75 Jahren.
Wir können es nicht oft genug sagen: Die Interessen der Unternehmen der Rüstungsindustrie sind nicht die Interessen der Beschäftigten in den Unternehmen der Rüstungsindustrie.
Wir wollen nicht, dass die Kolleginnen und Kollege auf die Straße fliegen. Wir wollen das nicht im Wedding und wir wollen das in keinem anderen Betrieben. Wir wollen, dass die Beschäftigten tarifgebunden arbeiten. Und ja, die IG Metall muss alle ihre Mitglieder vertreten – die Beschäftigten in der Rüstungsindustrie ebenso wie die nicht in der Rüstungsindustrie Beschäftigten. Aber eine Transformation in einen Rüstungsbetrieb ist nicht alternativlos. Alternativlos mag das für das Unternehmen Rheinmetall sein, das hohe Gewinne erwarten wird, aber das gilt nicht für die Beschäftigten in diesem Unternehmen. Richtig ist allerdings: Eine zivile Produktion als Alternative ist viel schwerer durchzusetzen, weil sie gegen das Unternehmen und gegen die Regierung erzwungen werden muss.
Aber es sind Steuergeld, mit denen der Bau dieser Waffen finanziert wird. Und diese Steuergeld können auch anders ausgegeben werden. Bitter notwendig ist es, das Leben zu sichern, die Gesundheit, die Bildung und die Umwelt, aber nicht, die Rüstung, die auf den Tod gerichtet ist, immer weiter in die Höhe zu treiben.
Doch in dem Augenblick, in dem diese Rüstungssteigerungen beschlossen worden waren, wurden die Weichen gestellt und die Beschäftigten zum „Spielball politischer Auseinandersetzungen“, wie die IG Metall formuliert. Der Druck in den Betrieben, auf Rüstung umzustellen, stieg gigantisch.
Es kann nicht darum gehen, die Rüstungsproduktion von einem Bezirk in einen anderen, von einem Bundesland in ein anderes zu verschieben. Vielmehr muss es darum gehen, die ganze Rüstungsindustrie zurückzufahren. Es sind die Rüstungsausgaben, deren explosive Erhöhung auf Bundesebene beschlossen wurde, und genau diese Rüstungsausgaben sind es, die auf Bundesebene zurückgefahren werden müssen. Anders geht es nicht.
Die IG Metall erklärt: Sie hält an ihrem friedenspolitischen Auftrag fest. Das kann sie nur, wenn sie sich entschieden für Abrüstung einsetzt, entsprechende unmissverständliche Beschlüsse fasst und fester Bestandteil der Friedensbewegung wird. Nur so kann es gelingen, tarifgebundene Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie durch tarifgebundene Arbeitsplätze in der zivilen Produktion zu ersetzen.
