Gastautor: Dieter Reinisch, Autor bei Globalbridge.ch
Der Globale Süden kommt in den westlichen Medien vergleichsweise selten vor, und falls doch, ist er von kolonialen und eurozentrischen Vorurteilen geprägt. Dies wird deutlich bei einer kritischen Medienanalyse zu Kuba. In diesem zweiten Beitrag zum Thema Kuba werden die Medienkampagnen als von Falschinformationen, Ignoranz und selektiver Quellenwahl geprägt dargestellt, und alternative Medienberichterstattungen werden aufgezeigt, die ein anderes Bild von Kuba vermitteln als die westlichen Mainstream-Medien.
Neben dem Framing werden gezielte Medienkampagnen gegen Kuba geführt. Edgar Göll schrieb am 24. Juli 2024 in den NachDenkeiten über zwei derartige Kampagnen: „Um die Deviseneinkünfte Kubas zu reduzieren/schwächen, wurde eine Medienkampagne gestartet. Kuba wurde dabei vorgeworfen, seine medizinische Hilfe in anderen Staaten durch seine Ärzteteams sei ‚Menschenhandel‘, denn ein Teil der Honorierung der Ärzte in Form von Devisen würde dem kubanischen Staatshaushalt zugeteilt.“ Damit wird das hochentwickelte kubanische Gesundheitssystem erhalten, das der gesamten Bevölkerung zugutekommt, weil alle allgemeinen Gesundheitsdienste kostenlos sind. Die US-Regierung setzt andere Regierungen, die an den Ärzteteams interessiert waren, unter Druck: „Rechtsextreme Gruppen sowie einige Regierungen, wie z. B. die Brasilianer unter dem Extremisten Bolsonaro, nahmen dies dankbar auf und wiesen die Ärzteteams außer Landes oder luden sie erst gar nicht ein“, so Göll.
Neben dem Vorwurf des Menschenhandels ist ein weiteres Ziel der feindlichen Medienkampagnen der Tourismus: „Erstens werden Hotelunternehmen erpresst und unter Druck gesetzt.“ So müssen spanische Hotelunternehmen mit Investitionen in Kuba nicht nur juristische Angriffe ertragen – sondern auch Dutzenden von Klagen auf Grundlage der US-Blockadegesetze.“ Darüber hinaus seien sie Ziel geplanter Kampagnen zum Verlust an Ansehen, schreibt Göll.
Ignorieren kubanischer Ärzteteams
Doch es sind nicht nur das Framing und gezielte Kampagnen, sondern auch das bewusste Ignorieren, die die mediale Berichterstattung charakterisieren. Darüber berichtet die schottische Wissenschaftlerin Helen Yaffe in ihrem bei der Yale University Press erschienenen Buch „We are Cuba! How a Revolutionary People Survived in a Post-Soviet World. Sie schreibt darin von einer Begegnung mit dem kubanischen Arzt Dr. Fernández, der darauf hinwies, dass die Medienwirkung Kubas Ebola-Mission „einige glauben ließ, wir hätten etwas Außergewöhnliches geleistet, was uns zu Helden macht“. Tatsächlich wurde Kubas Beitrag international gelobt. Ein Leitartikel der New York Times rief aus: „Die Arbeit dieser kubanischen Mediziner kommt den gesamten globalen Bemühungen zugute und sollte dafür anerkannt werden.“ Mitte Oktober 2014 lobten sowohl der US-Außenminister John Kerry als auch die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, die Rolle Kubas in Westafrika. Als der damalige Präsident Barack Obama am 17. Dezember 2014 die Annäherung zwischen den USA und Kuba ankündigte, verwies er auf Kubas Ebola-Kampagne als Beispiel für die Vorteile einer Zusammenarbeit: „Amerikanische und kubanische Gesundheitsfachkräfte sollten Seite an Seite arbeiten, um die Ausbreitung dieser tödlichen Krankheit zu stoppen.“
Dr. Fernández scheute sich jedoch vor besonderem Lob zurück. Er fragte: „Was ist der Unterschied zu den Kubanern, die im brasilianischen Dschungel arbeiten? Was ist der Unterschied zu denen im venezolanischen Dschungel, die monatelang allein in indigenen Gemeinschaften arbeiten? Was ist der Unterschied zu denen, die in afrikanischen Dörfern Dienst leisten? Oder im Dschungel, bei Temperaturen von bis zu 48 Grad Celsius“, fragte er im Gespräch mit Yaffe. Der Unterschied sei, dass es sich um die Ebola-Mission, eine hochkarätige internationale Mission, gehandelt habe, betonte er. Dagegen wurden kubanische Gesundheitshelfer anderswo über Jahrzehnte hinweg weitgehend ignoriert: „Die Kubaner, die gegen Ebola kämpften, waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein im Vergleich zu den 400.000 kubanischen Medizinern, die seit 1960 in 164 Ländern im Ausland gearbeitet haben und über die die Politiker und die Mainstream-Medien fast nichts gesagt haben“, schreibt Yaffe.
Ein weiteres Problem ist die selektive Quellenwahl, wie an einem Beitrag des Deutschlandfunk-Kultur gezeigt werden soll. Der Sender zitiert in einem Artikel über die Presse- und Meinungsfreiheit in Kuba vom 4. September 2006 ausschließlich einen im Exil lebenden kubanischen Dissidenten: „Kuba ist eine echte Diktatur“, sagt Jesús Zúñiga. Andere Personen kommen nicht zu Wort. Ähnlich die BBC in ihrem „Cuba Media Guide“, der am 29. August 2023 erschien: Hier werden nur die in den USA ansässige und von ihr finanzierte NGO Freedom House und der antikubanische Propagandasender Radio Martí als Quellen herangezogen.
Doch auch NGOs aus dem Bereich des Journalismus selbst üben eine ähnliche einseitige Praxis, wie am Beispiel von Reporter ohne Grenzen ersichtlich ist. „Das sozialistische Kuba steht unter den lateinamerikanischen Ländern Jahr für Jahr ganz hinten auf der Rangliste der Pressefreiheit“, heißt es im Barometer der Pressefreiheit der NGO. Kuba wird auf Platz 168 von 180 gelistet. Ein wichtiger Indikator für die Platzierung eines Landes ist die Zahl der inhaftierten Journalisten – doch für Kuba wurde von Reporter ohne Grenzen 2024 lediglich ein Journalist geführt. Zur selben Zeit war in Großbritannien ebenfalls ein Journalist in Haft, dennoch war das Land, in dem Reporter ohne Grenzen seinen Hauptsitz hat, im Ranking weit vorne. Der damals im britischen Gefängnis sitzende Journalist war niemand anderes als der Wikileaks-Gründer Julian Assange. Dennoch wies das Pressefreiheitsbarometer 2024 in Großbritannien keinen inhaftierten Journalisten aus. Umso interessanter ist es, dass spätere Veröffentlichungen von Reporter ohne Grenzen, wie die junge Welt aufzeigte, Großbritannien als ein Land beschrieben, in dem es „einen inhaftierten Journalisten gab“ – nach der Freilassung von Assange wurde er also als ehemaliger inhaftierter Journalist anerkannt. Während seiner Inhaftierung schwieg Reporter ohne Grenzen, listete ihn nicht auf und unterstützte ihn nicht. Ob die Tatsache, dass die britische Regierung einer der wichtigsten finanziellen Förderer von Reporter ohne Grenzen ist, in dieser willkürlichen Entscheidung durchwegs eine gewichtige Rolle gespielt hat, vermutet nicht nur Ralf Hutter in seinem Beitrag „Schändliche Schandlisten“ in der junge Welt am 24. August 2024.
Alternative Informationskanäle
In der kubanischen Verfassung von 1976 heißt es im Artikel 53: „Jedem Bürger wird die Freiheit des Wortes und die Pressefreiheit in Übereinstimmung mit den Zielen der sozialistischen Gesellschaft garantiert. Die materiellen Bedingungen für die Ausübung derselben sind durch die Tatsache garantiert, dass die Presse, das Radio, das Fernsehen, das Kino und sonstige Massenkommunikationsmittel staatliches oder gesellschaftliches Eigentum sind und in keinem Fall Privatbesitz sein dürfen.“ Kubanische Journalisten sollen nicht den finanziellen Zwängen und dem Druck des Prekariats ausgesetzt sein, wie viele Kollegen in Europa und den USA, wo der Freelance-Newsletter der London-Branch der britischen Journalistengewerkschaft National Union of Journalists regelmäßig von horrend niedrigen Honoraren berichtet: 50 Euro für Zeitungsartikel, 100 Euro für Videomaterial und fehlende Bezahlung von Reisekosten sind heute leider keine Seltenheit mehr in Europa. Daher ziehen sich immer mehr Medienschaffende auf „sichere“ Berichterstattung zurück – kritisch und objektiv berichtet wird kaum, denn niemand will anecken, sonst könnte ihn das Schicksal Karim El-Gawharys ereilen, der aufgrund seiner klaren und nüchternen Berichterstattung als Korrespondent aus Kairo vom öffentlich-rechtlichen ORF abberufen wurde.
„Und verdrehen Sie dieses Interview nicht!“
Im 21. Jahrhundert sehen wir aber einen Aufstieg des Globalen Südens und mit ihm neue, alternative Medien mit großer Reichweite. Der Korrespondent Ed Augustin berichtet etwa im Jänner 2017 vom Tod von Raúl Castro für den katarischen Sender Al Jazeera: „Ich bin kein Kubaner, habe aber die letzten vier Jahre in Havanna gelebt und als Korrespondent für verschiedene westliche Medien gearbeitet. Ich glaube, ich kenne das Land gut. Aber die Intensität der Emotionen, die nach Castros Tod auf der Insel aufkamen, überraschte mich“, berichtete er. Augustin fragte die Leute, die er traf, nach ihrer Meinung dazu, wie Castro in Sachen Menschenrechte beurteilt werden würde: „Wo soll ich anfangen?“, sagte Julio Cueta, ein 41-jähriger Taxifahrer. „Meine Mutter hatte vor drei Jahren Krebs und wurde kostenlos operiert.“ Von wie vielen Ländern der Dritten Welt kann man das schon sagen?“
„Das Spektrum der Menschenrechte ist sehr breit“, erzählte Lidea Paez, Dozentin für Biochemie, als sie auf dem Antonio-Maceo-Platz ankam, wo sie auf Augustin traf: „Aber Leute wie Sie“, sagte sie und zeigte auf den Journalisten, „konzentrieren sich nur auf die schlechten Seiten und ignorieren die guten. Und verdrehen Sie dieses Interview nicht!“
Unmittelbar nach Castros Tod konzentrierte sich die Berichterstattung in den USA auf die Reaktionen von US-Politikern, etwa auf die des Präsidenten Donald Trump, der auf X schrieb: „Fidel Castro ist tot!“ Ein „brutaler Diktator, der sein eigenes Volk fast sechs Jahrzehnte lang unterdrückte“, sagte Trump in seiner Erklärung. „Fidel Castros Erbe ist eines von Erschießungskommandos, Diebstahl, unvorstellbarem Leid, Armut und der Verweigerung grundlegender Menschenrechte“, behauptete der Präsident, der am 3. Jänner 2025 den legitimen Präsidenten Venezuelas, Nicolás Maduro, aus dessen Land entführen ließ.
Auch die Berichterstattung aus Kuba vor Ort stand im Widerspruch zur Erfahrung Augustins: Associated Press berichtete, dass Tausende von Menschen „von der kommunistischen Regierung in Gruppen“ zur Kundgebung auf dem Revolutionsplatz in Havanna geschickt worden seien, an der Augustin ebenfalls teilgenommen hatte, was implizierte, dass der Staat eine gefügige Bevölkerung gegen ihren Willen hin- und hergeschickt hatte: „Doch alle, mit denen ich an diesem Abend sprach, bestanden darauf, dass sie freiwillig dort waren. Als ich zwei Schulkinder fragte, was passieren würde, wenn sie nicht erschienen wären, zuckten sie die Achseln und sagten, sie hätten genauso gut zu Hause bleiben können“, berichtet er.
Die größte Kluft zwischen der kubanischen Realität und der digitalen Welt klafft seiner Meinung nach jedoch in den Mainstream-Medien. Die Linie der liberalen Presse wird durch den Leitartikel der Washington Post verkörpert: „Fidel Castros schreckliches Erbe“ lautete der Titel. „Die politische Unterdrückung durch Herrn Castro hat ein Ausmaß erreicht, das seinen Vorgänger Fulgencio Batista erröten lassen hätte“, hieß es im Leitartikel.
Während seiner Zeit in Kuba habe er Gründe dafür herausgefunden, warum die Berichterstattung westlicher Medien über die Menschenrechte in Kuba so unterschiedlich sei, schreibt Augustin: Die redaktionelle Linie spielt eine große Rolle. „Beispielsweise wollte jeder Nachrichtensender, für den ich hier gearbeitet habe, über die Dissidenten berichten – Menschen, die regelmäßig verhaftet und inhaftiert werden, weil sie gegen das Regime protestieren“. Weitere Themen aus den Bereichen Soziales, Wirtschaft und Politik Kubas interessierten die Auftraggeber nicht. Das transportierte Bild steht jedoch selbst im Widerspruch zu den Geheimdienstberichten. In einer von Wikileaks veröffentlichten US-Depesche heißt es: „Wir sehen kaum Hinweise darauf, dass die wichtigsten Dissidentenorganisationen bei den einfachen Kubanern großen Anklang finden.“
Ein weiterer, vielleicht einfacherer Grund dafür, dass es den ausländischen Medien schwerfällt, das Menschenrechtsthema angemessen in den Griff zu bekommen, liegt nach Meinung von Augustin darin, wer die Journalisten waren, die über Castros Tod berichteten: Es handelt sich um Journalisten, die überwiegend weiß sind, viele von ihnen haben eine Privatausbildung absolviert und in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aus entwickelten, wohlhabenden Ländern stammen.
Der Süden steht auf – auch in der Medienwelt
Andere Medien des Globalen Südens, die ebenso anders über Kuba berichten, sind der libanesische Sender Al Mayadeen und der iranische Sender Press TV – beide sind, wie Al Jazeera, auf Englisch verfügbar. Im Jänner 2024 organisierte Al Mayadeen ein alternatives Medienforum in Havanna. Es wurde berichtet: „In Kuba ist am Montag ein zweitägiges internationales Journalistenforum zu Ende gegangen. 70 Vertreter aus 34 Ländern nahmen an dem Meeting teil, das unter dem Motto ‚Neue Operation Wahrheit‘ (Nueva Operación Verdad) stand, in Anlehnung an eine historische Pressekonferenz Fidel Castros aus dem Jahr 1959.“ Und weiter: „Die Konferenz wurde von der kubanischen Nachrichtenagentur Prensa Latina zusammen mit dem panarabischen Fernsehsender Al Mayadeen veranstaltet und hatte den Austausch über Ideen und Probleme alternativer Medien, die ‚die Realität progressiver Länder zeigen und verteidigen‘, zum Ziel.“
Wafica Ibrahim, Lateinamerikaspezialist von Al Mayadeen, war vor Ort und berichtete: „Wir müssen von der Hegemonie wegkommen, die der Westen den alternativen Medien auferlegt.“ Zu den wichtigsten Herausforderungen zählte er neben Fake News auch die Dominanz von US-Konzernen in den sozialen Medien.
Die „Operation Wahrheit“ war eine Pressekonferenz, die Fidel Castro am 22. Januar 1959 im Hotel Riviera vor 380 Journalisten abhielt. Darin bezog Castro kurz nach dem Sieg der Revolution Stellung gegenüber der Kritik US-Kongressabgeordneter und forderte die Gründung einer lateinamerikanischen Nachrichtenagentur, was als Geburtsstunde von Prensa Latina gilt. Am Kongress der Kommunistischen Partei Kubas im April 2011 hielt Raúl Castro eine Rede, in dem er auch auf die Medien in Kuba einging. In diesem Bericht warf er den kubanischen Medien vor, „die nationale Realität in hochtrabender Sprache oder mit übertriebener Förmlichkeit zu beschreiben“ und „langweilige, improvisierte oder oberflächliche Berichte“ zu liefern. Die Rolle der Medien bestehe jedoch darin, die öffentliche Debatte anzuregen und „objektive, kontinuierliche und kritische Berichte über den Fortschritt der Aktualisierung des Wirtschaftsmodells“ zu veröffentlichen.
(Red.) Man höre zu diesem Thema den Drei-Minuten-Bericht von Franco Battel, dem wohl fleissigsten und einem der mittlerweile selten gewordenen Korrespondenten der Schweizer Nachrichten-Sendung „Echo der Zeit“, die sich nicht in die einäugige Russenhass-Politik des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks der Schweiz haben einspannen lassen. Unbedingt anhören! (cm)
Dieser Artikel wurde zuerst bei GlobalBridge, am 18-Juli 2026 veröffentlicht.
Recht herzlichen Dank an: Christian Müller, GlobalBridge
Bildbeschreibung: Auf meinen zahlreichen Recherche-Reisen rund um die Welt war ich, Christian Müller, Herausgeber von Globalbridge.ch, natürlich auch in Südafrika, dort unter anderem unterwegs mit dem dortigen Roten Kreuz. Und wer waren die Ärzte im einmotorigen Ambulanz-Flugzeug «Pilatus PC 12» aus der Schweiz des «S.A.Red Cross»? Alle drei Ärzte, hier im Foto von Christian Müller, waren Kubaner! Und ist das Zeitalter der kubanischen Ärzte rings um die Welt etwa vorbei? Überhaupt nicht! Im Süden Italiens, in Kalabrien, sind Hunderte kubanische Ärzte im Einsatz ! Der Regionalpräsident sagt, sie seien für die Aufrechterhaltung des Gesundheitswesens in Kalabrien unverzichtbar, und er lehnt die Forderung Donald Trumps, diese Ärzte aus Italien auszuweisen, kategorisch ab.
Zum ersten Beitrag von Dieter Reinisch zu Kuba hier anklicken.
